Mehr Frauen für die Mobilitätsbranche begeistern – Im Interview mit Britta Reineke

Britta Reineke, Gründerin von ellectric, hat sich zum Ziel gesetzt mehr Frauen für die Mobilität zu begeistern. Gerade in der Automobilbranche sieht sie da erheblichen Nachholbedarf. Mit uns hat sie darüber gesprochen, in welcher Branche sie vorher tätig war, welche Vision sie bei ihrer Arbeit antreibt und wie sie die Mobilität zukünftig sieht.
Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen des Interviews!

Aus welcher Motivation hast du ellectric gegründet?

Britta Reineke: Es gibt zwei Gründe, die mich bewegt haben, ellectric zu gründen:
1. Meine berufliche Tätigkeit in der Automobilbranche, die mir noch bewusster gemacht hat, wie männerdominiert diese Branche ist.
2. Der Kauf meines ersten Autos.

Im Job: Umgeben von Männern in sämtlichen Abteilungen – mit der Ausnahme von Marketing und Presseabteilungen. Hier sind oft Frauen stärker vertreten als Männer. Doch das Ambivalente ist: Warum werden dann Frauen weiterhin nicht angemessen adressiert bzw. teilweise regelrecht ignoriert? Größtenteils herrscht in den Werbekampagnen weiterhin eine klassische Rollenverteilung. 

Kauf meines ersten Autos: Bevor ich mich final für ein Auto entscheide, ist es mir wichtig, Informationen einzuholen. Es gab jedoch kein Medium national und international, weder Print noch Online, bei dem ich mich angesprochen gefühlt habe. Sich als Frau über ein Produkt oder eine Marke genauer zu informieren, fällt daher schwer. Die meisten Magazine oder Plattformen richten sich hauptsächlich an die männliche Zielgruppe und verkörpern immer noch das typische Klischee. Auch beim Kaufvorgang im Autohaus wurde ich nur von männlichen Verkäufern betreut. Die ganze Atmosphäre war recht kühl, altmodisch und fast schon abweisend. Ich habe mich nicht wirklich ernstgenommen gefühlt. In dieser Situation zu verhandeln, schien mir schier unmöglich. Das war auch der Grund, weshalb ich meinen Vater mitgenommen habe. Dadurch fühlte ich mich gleich wohler und sicherer. Aber das sollte doch nicht die Lösung sein?

All diese Erfahrungen haben mich motiviert und dazu bewegt, ellectric Ende letztes Jahr zu gründen. Mit ellectric möchte ich eine Veränderung vorantreiben, ein Umdenken generieren, die immer noch teils veralteten Muster aufbrechen, Diversität fördern – schlichtweg die Mobilitätsbranche modernisieren. Neben der Schaffung einer größeren Sichtbarkeit von Frauen, ist mir ein hoher Designanspruch und eine reduzierte, moderne Bildsprache äußerst wichtig. All das vereine ich in ellectric. Mobilität, Innovation und Lifestyle sind die Hauptthemen. Mit ellectric möchte ich nicht nur Frauen eine Plattform bieten, die inspiriert und informiert, Neugier und Begeisterung gegenüber Innovationen weckt und einen Zugang zu diesen Neuerungen schafft. Ziel mit ellectric ist es eine Marke zu etablieren, die weit darüber hinaus geht, als nur Online-Magazin zu sein. Kürzlich habe ich einen Online Shop auf www.weareellectric.com gelaunched – sorgfältig kuratierte Produkte für alle, die unterwegs sind. Darüber hinaus sind noch viele weitere spannende Projekte in der Planung. 

Vor der Gründung warst du in der Fashionindustrie tätig. Welche Vision hat dich bei dem Branchenwechsel angetrieben?

Britta Reineke: Ich bin eine Person, die gerne neue Herausforderungen sucht und sich diesen stellt, sich weiterentwickeln und den Horizont erweitern möchte. Das sieht man ganz gut an meinem Lebenslauf. Bereits nach meinem Abitur bin ich als Au-pair nach London gegangen, gefolgt von meinem Bachelorstudium in International Fashion & Management in Amsterdam und London mit anschließendem Stopp in Berlin. Aufgewachsen bin ich mit der Vorliebe meines Vaters zu Autos und wurde daher schon recht früh immer wieder mit Automobilthemen konfrontiert. Vorerst habe ich mich aber dann meiner zweiten Passion, der Mode gewidmet und meinen Karriereweg in der Modebranche eingeschlagen. Doch mein Interesse für Mobilität ist immer stärker geworden.

Nach zwei Jahren in Berlin in der Modeindustrie, habe ich mich dazu entschlossen, den nächsten Schritt zu gehen, raus aus der Komfort-Zone, rein in eine neue Herausforderung. Mich beruflich als auch persönlich weiterzuentwickeln und eine neue Branche kennenzulernen, war das Ziel. Auch wenn ich stets wusste, dass dieser Schritt, vor allem als Frau und mit meinem Background in Mode nicht einfach werden würde. Mit weiteren Stopps in Hamburg, Stuttgart und München, habe ich nicht nur meine persönliche Veränderung vorangetrieben und mein Ziel erreicht, in der Automobilbranche Fuß zu fassen, sondern auch die Vision von ellectric. Nicht nur meine persönliche Veränderung ist mir wichtig, sondern auch eine gesellschaftliche und branchenspezifische – und mit ellectric mache ich einen wichtigen Schritt in diese Richtung. 

Du möchtest gerne mehr Frauen für die Mobilitätsbranche begeistern. Wie genau möchtest du das erreichen?

Britta Reineke: Mit ellectric möchte ich Frauen eine Plattform bieten, auf der sie sich angesprochen fühlen, sich informieren können und sich vielmehr inspiriert fühlen. ellectric ist eine Inspirations- als auch Informationsquelle, sei es, wenn man sich für den Kauf eines Autos, Scooter oder Fahrrad interessiert, sich über neue Antriebstechnologien und Innovationen informieren will oder sich für das Thema Lifestyle interessiert.

In meiner Interviewreihe ’5+1’ spreche ich mit inspirierenden weiblichen Persönlichkeiten aus der Mobilitätsbranche – von der Exterior Designerin, über die CMF Designerin bis hin zur jüngsten Astronautin und künftigen Mars-Begeherin. All diese Geschichten starker weiblicher Persönlichkeiten sollen inspirieren, Mut machen, Neugier wecken und das Thema Mobilität interessant und vielmehr sexy darstellen. Ich bin mir sicher, dass ich mit ellectric Frauen anspreche, die sich vorher nicht so sehr mit dem Thema Mobilität beschäftigt haben – nicht weil kein Interesse besteht, sondern weil es keine Plattform gab, die sie explizit adressiert, die bewegt und inspiriert. Genau das sehe ich in meinem Freundeskreis. Zudem möchte ich mit meinem Lebenslauf zeigen, dass es nie zu spät ist, einen neuen Weg einzuschlagen. Ich möchte inspirieren, Mut machen und zwar nicht nur Frauen, seiner Vision und Idee zu folgen und sich nicht von seinem Weg abbringen zu lassen. 

Welche Herausforderungen und Probleme siehst du aktuell in der Mobilität?

Britta Reineke: Das Thema E-Mobilität ist sehr präsent, da es aktuell die umwelt- und verbraucherfreundlichste Lösung ist. Der Gesamtfußabdruck einschließlich Produktion, Wartung und Entsorgung, Fahrbetrieb, Energiebereitstellung sind niedriger als bei benzinbetriebenen und Diesel-PKWs. Zudem wird der Ausbau erneuerbarer Energien den Vorsprung von E-Autos noch weiter vorantreiben. Doch weiterhin gibt es viele Vorbehalte gegenüber der E-Mobilität. Frauen als auch Männer stehen der neuen Antriebstechnologie skeptisch gegenüber. Und das aus gutem Grund. Vor allem hinsichtlich des Ladens und der Infrastruktur stellen sich dem Konsumenten viele Frage. Deutlich mehr Aufklärung zur E-Mobilität muss geleistet werden.

Und genau an dieser Stelle komme ich mit ellectric ins Spiel. Es ist nicht nur damit getan, Aufklärung zu leisten und Informationen zu liefern, sondern E-Mobilität muss erlebt werden, um den Konsumenten von der neuen Technologie zu überzeugen. Nur so weckt man Begeisterung für dieses Thema. Eines meiner nächsten Ziele ist es, Fahrveranstaltungen anzubieten, die sich ausschließlich an Frauen richten – ein Erfahrungsaustausch von Frau zu Frau. Denn oft fühlen sich Frauen, gerade beim Thema Automobil in einer Runde mit Männern nicht so wohl und haben Angst, sich ggf. zu blamieren. Doch Frauen sind eine äußerst relevante Zielgruppe für E-Autos – nicht zu vergessen, dass 80% der Autokaufentscheidungen von Frauen beeinflusst werden. 

Einen weiteren Punkt, den ich aktuell in der Mobilität, vor allem in Berlin, in der Stadt, in der ich lebe, sehe, ist die Infrastruktur. Auch wenn sich Berlin zu einer smarten Stadt entwickelt, ist die Infrastruktur äußerst veraltet. Vor zehn Jahren bin ich nach Amsterdam gezogen. Bereits 2010 gab es eine gute Infrastruktur in Amsterdam, vor allem ich habe mich immer sicher gefühlt – was ich von Berlin im Jahr 2020 auf dem Fahrrad nicht sagen kann. Es gibt noch viel Spielraum nach oben, auch beim ÖPNV. Und wenn gute neue Mobilitätslösungen auf den Markt gebracht werden wie bspw. Coup oder Clevershuttle, welche den Shared-Mobility Markt befeuern, ist es absolut relevant diese zu fördern und beizubehalten. 

Wie sieht für dich die Mobilität in zehn Jahren aus?

Britta Reineke: Aktuell zu beobachten ist der Trend, ein Auto nicht mehr zu besitzen. Auch wenn Corona die individuelle Mobilität wieder bestärkt hat, glaube ich, dass sich unsere Gesellschaft mehr in Richtung Sharing-Konzepte entwickeln wird. Im urbanen Raum werden im Straßenbild kleinere Mobilitätslösungen zu sehen sein. Mikromobilität wird an Bedeutung gewinnen bspw. das Konzept von Microlino, das ich bereits auf ellectric vorgestellt habe. Ein sehr platzsparendes elektrisches Auto – ideal für die Stadt, ausreichend Reichweite und das Problem einen Parkplatz zu finden, schwindet. Flexibilität in der Mobilität wird immer wichtiger, d.h. immer und überall mobil unterwegs sein zu können. Mobility-as-a-Service wird dementsprechend zunehmen. Es bedeutet, dass der Nutzer in den Mittelpunkt gestellt wird, um ihm maßgeschneiderte Mobilitätslösungen auf Grundlage der individuellen Bedürfnisse anzubieten. In nicht allzu ferner Zukunft wird man selbstfahrende Autos rufen, die einen von A nach B bringen. Städte werden smarter, Konnektivität immer wichtiger.  

Liebe Britta, wir danken dir sehr für deine Zeit und die spannenden Einblick!

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